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Am 30. Juni 2017 beschloß der Bundestag mit den Stimmen der CDU/CSU und SPD (die Grünen enthielten sich) das Netzwerk-Durchsetzungsgesetz (NetzDG) zur Bekämpfung von sogenannten Hasspostings und Falschmeldungen („Fakenews“). Kern des Gesetzes ist die Löschung von „offensichtlich“ rechtswidrigen Postings innerhalb von 24 Stunden durch den Betreiber der Plattform. Kritiker befürchten vorschnelles Löschen in Zweifelsfällen und sehen einen Verstoß gegen das Grundgesetz und EU-Recht. Die Löschentscheidung kann dabei an externe Dienstleister (unter Aufsicht der Regierung) vergeben werden, sodaß bereits das Wort von der privatisierten Zensur die Runde machte.

Ein generelles Problem ist in der praktischen Durchführung der Resourcenbedarf: Bis heute muss nach einer manuellen Sichtung über eine Löschung durch Menschen entschieden werden. Doch nun verspricht ein Projekt der EU Abhilfe: Ein Konsortium unter Führung der Uni Sheffield entwickelt automatisierte Systeme zu Analyse und möglicherweise der Zensur unserer sozialen Netzwerke.

Das von der Europäischen Union interessanterweise bereits seit 2014 unterstütze Projekt (Grant 611233)  mit dem Namen „Pheme“ verfolgt einen interdisziplinären Ansatz, um den Wahrheitsgehalt, die „Veracity“ von Nachrichten zu ermitteln. Neben  selbstlernenden Algorithmen, sogenannter künstlicher Intelligenz (KI) werden auch Techniken aus der Linguistik, Textanalyse, Web-Wissenschaft, Analyse der sozialen Netzwerke, und Visualisierung von Informationen eingesetzt:

We will use three factors to analyse veracity: first, the information inherent in a document itself – that is lexical, semantic and syntactic information. This is then cross-referenced with data sources that are assessed as particularly trustworthy, … We will also harness knowledge from Linked Open Data… Finally, the diffusion of a piece of information is analysed – who receives what information and how, and when is it transmitted to whom?“

Bei allen technischen Features ist die automatische Erkennung von Gerüchten und Fake-News noch eine große Herausforderung. Daher werden zusätzlich manuell erstellte „Gerüchtelisten“ der Uni Warwick mit in die Auswertung einbezogen.

Die Ergebnisse sollen interessierten Journalisten dann übersichtlich  in Form eines Dashboards („Armaturenbrett“) angeboten werden. Hier soll interaktiv die Nachrichten- bzw. Gerüchteverteilung über Europa, die Nachrichtentypen (neutral, bestätigend, ablehnend etc.), die Geographische Verteilung der Autoren und deren Einflussbereiche dargestellt werden.

Wie bei vielen technischen Entwicklungen sind die Möglichkeiten auch der Pheme Plattform erst einmal neutral. Es kommt nun darauf an, ob das Establishment von den neuen Möglichkeiten Gebrauch macht um über z.B. die manuelle Liste oder Modifikation der Algorithmen die Deutungshoheit zu behaupten. Im Extremfall bieten sich Zensur und Propaganda ganz neue und Resourcen schonende Möglichkeiten in Echtzeit! Ich meine: Selbst wenn hier Zurückhaltung geübt wird, befürchte ich eine weitere Gleichschaltung der Medien durch den angebotenen Filter des Journalisten Dashboards.

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