Schlagwörter

Getrieben vom Niedrigzinsumfeld eilen die Aktienkurse von Rekord zu Rekord. Schließlich gibt es mit konservativen Anlageformen heute keinen Blumentopf mehr zu gewinnen. Folgerichtig peilt der Dax sein neues Allzeithoch von 12.500 Zählern an. Was die Investoren hoch erfreut, treibt den Unternehmensleitungen den Schweiss auf die Stirn: Denn die Shareholder wollen nachhaltig Wachstumsraten und Profit sehen, die sich in Zeiten der Nachfrageschwäche nach vielen Jahren Lohnzurückhaltung kaum mehr durch organisches Wachstum erwirtschaften lassen.

Aber es gibt Abhilfe: M&A wie es in der Wirtschaftspresse kurz heist, Merger and Acquisitions, also Unternehmensfusionen und Aufkäufe. Anstatt sich also mit den Wettbewerbern um die verbliebene Nachfrage zu prügeln, wird der Niedrigzins genutzt und einfach Umsatz hinzugekauft. Allein die 30 Dax Konzerne erhöhten so ihre Verschuldung im abgelaufenen Geschäftsjahr auf sage und schreibe 611 Milliarden Euro. Die Verschuldung ist das eine, bei genauerem Hinsehen offenbart sich aber auch eine unbekannte, dunkle Seite der Übernahmeschlacht:

Schließlich wollen die Verkäufer ebenfalls ordentlich Reibach machen und verhandeln in der Regel einen ordentlich Aufschlag auf den Unternehmenswert (Sachanlagen, Maschinen, Vermögen) aus. Dieser spiegelt dann die Hoffnung auf weiteres signifikantes Wachstum wieder. Schönes Beispiel ist die aktuelle Übernahme von Monsanto durch Bayer: Dreimal mußte der Deutsche Konzern sein Angebot ausbessern um schließlich mit ca 60 Milliarden Euro zum Zuge zu kommen. Das ist ein Aufschlag von 44% auf den Marktwert des gekauften Unternehmens. Etwa 20 Milliarden sind reine Hoffnung. Dieser Hoffnungswert wird vom Käufer als sogenannter “Goodwill” in seiner Bilanz ausgeschrieben. Bis 2005 war nun die Regel, daß diese heisse Luft in der Bilanz innerhalb von zehn Jahren abgeschrieben, also gegen den tatsächlich erzielten Profit verrechnet werden muss um die Bilanz auszugleichen. Läuft alles rosig, bleibt trotzdem genug für die Shareholder übrig. Im anderen Falle macht das Unternehmen kaum Gewinn oder weist sogar Verlust aus. Pech für den Anleger, der statt ordentlich Gewinn fallende Börsenkurse seiner Aktien erhält. Bei immer kompetitiveren Märkten und limitierter Nachfrage natürlich eine riskante Geschichte… bis zur weiteren Liberalisierung der Finanzmärkte im Jahre 2005 als auch die Deutschen Unternehmen auf die “International Financial Reporting Standards” umstellten. Seither ist die Abschreibung kein Muss, sondern die Unternehmen prüfen selbst, ob der “Goodwill” abgewertet werden sollte oder nicht.

Doch abwerten will natürlich keiner wenn er nicht muss, denn die dann zu erfolgenden Abschreibungen drücken das Ergebnis, die Boni und natürlich den Aktienkurs.

In den Bilanzen der Dax Konzerne hat sich in den letzten Jahren so eine Blase nie gekannten Ausmaßes in Höhe von 267 Milliarden Euro aufgepumpt. Diese Summe entspricht in etwa der jährlichen Wirtschaftsleistung von Dänemark. Alles kein Problem, solange die Wirtschaft brummt und die Wirtschaftsprüfer den Unternehmen weiter gute Hoffnung attestieren. Aber wehe, wenn es einen Konjunktureinbruch gibt: Die Prüfer senken den Daumen, es kommt zu vermehrten Abschreibungen, die Gewinne und Aktienkurse einbrechen lassen. Die Folge sind weitere Abschreibungen etc. Ein Teufelskreis!

Hinweis: Es gibt selbstverständlich auch Deutsche Unternehmen, die kaum Goodwill in der Bilanz stehen haben und relativ risikoarm aufgestellt sind. Dieser Artikel soll keine Empfehlung für eine Geldanlage darstellen aber zum Nachdenken über sonst wenig beachtete Risiken des Wirtschaftssystems anregen.

Quelle: Handelsblatt Printausgabe vom 24. Juni, Nr. 119 S.49 ff

Advertisements