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Dank der Informationsmöglichkeiten über das Internet hat das Deutungsmonopol Deutscher Mainstreammedien ein Ende. Da kommt es schon einmal zu Panik in der Schreibstube und in der Folge zu autoritären Kurzschlußhandlungen. Jüngstes Beispiel: Die zensurähnliche halbamtliche „Qualitätskontrolle“ in sozialen Medien durch “Correctiv” und Facebook. Wie wichtig heutzutage die modernen Möglichkeiten der Informationsbeschaffung für unsere Medienkompetenz sind, zeigte mir ein Vergleich zweier Quellen – national und international- zum selben Thema:

Wie der Guardian unter dem Titel “Russian MPs back bill reducing punishment for domestic violence” berichtete, unterstützten Parlamentsmitglieder der Duma (Russisches Parlament) in zweiter Lesung eine Änderung des bisher sehr strikten Gesetzes gegen häusliche Gewalt: Bisher liegt das Strafmaß auch bei minderschwerer häuslicher Gewalt bei 2 Jahren russischem (!) Gefängnis. Für Ersttäter (!!) sieht die Novelle eine Minderung des Strafmaßes auf ein Bußgeld von 30.000 Rubel vor, wenn es nicht zu einer ernsten Verletzung des Opfers kam. Russische Frauenrechts Aktivisten sehen in der Novelle eine Entkriminalisierung häuslicher Gewalt und lehnen diese ab. Der im Text verlinkte Kommentar des Moskauer Korrespondenten des Guardian stellt die unterschiedlichen Positionen nochmals detaillierter dar. Die zwei faktenreichen Artikel zusammen sind fair aber nicht unkritisch, differenziert mit unterschiedlicher Informationstiefe und ermöglichen dem Leser eine eigene Meinungsbildung. Demgegenüber der Text der Zeit: Bereits der Titel des Textes von Luzia Tschirky zeigt, wo es langgeht: “Einmaliges Verprügeln durch die Familie wird zur Bagatelle”. Mein Tipp: Lesen Sie sich den Text anhand der Propagandamerkliste meines Artikels „Alles Journalismus oder was“ durch. Der kenntnisreich und gut geschriebene Artikel der hochgelobten schweizer Journalistin unterfüttert den primär die Meinung der Kritikerinnen darstellenden Text mit plastischen Einzeldarstellungen von Gewalt gegen Frauen. Das es um Ersttäter geht, wird komplett verschwiegen. Befürworter der Gesetzesänderung werden mit gewaltverharmlosenden Äusserungen zitiert. Im letzten Abschnitt wird de facto der russischen Gesellschaft ein “Verständnis von Gewalt als Mittel zur Lösung von Problemen und das Recht des Stärkeren” unterstellt. Dieser Artikel ist ein Lehrstück sehr gut gemachter, eleganter Propaganda, der unmittelbar seine Wirkung entfaltet, wie den zahlreichen Kommentaren zu entnehmen ist. Frau Tschirky hat ihr Metier als Moskau- Korrepondentin der SPON wirklich gelernt. Wer nach Lektüre den russischen Untermenschen nicht am liebsten mit Fußtritten in die Taiga jagt, kann nur als emotional abgebrüht bezeichnet werden. Aber zum Glück gibt es ja den Guardian und das Internet.

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