Schlagwörter

, , , , ,

Mindestens 40% der redaktionellen Beiträge reichweitenstarker Printmedien stammen von sogenannten Public-Relations (PR) Agenturen (3). Diese Agenturen werden von Privatfirmen, Nichtregierungsorganisationen oder auch Regierungsstellen dafür bezahlt, Texte zur Umsetzung der Kommunikationsstrategie des Auftragsgebers zu entwickeln und in der Presse zu platzieren. Aber wie erkenne ich eine solche Einflussnahme und Desinformation?

Solche PR-Texte informieren nicht nur über Produkte, sondern lassen auch den Auftraggeber in einem günstigen Licht erscheinen, oder platzieren Themen, die für den Auftraggeber wichtig sind und dessen Interessen bedienen. Printmedien sind umso mehr geneigt, diese Texte zu berücksichtigen, umso mehr Anzeigen der PR-Auftraggeber in ihren Produkten schaltet, oder je besser die Inhalte mit der Linie des Mediums bzw. der Chefredaktion oder den Interessen des Herausgebers übereinstimmen. Es handelt sich bei  den PR Texten also kurz gesagt nicht um das Ergebnis unabhängiger Recherche eines Journalisten, sondern um Werbung bzw. Beeinflussung des Lesers im Sinne Dritter.

Ein Beispiel einer hierzulande wirkmächtigen PR Agentur ist die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, finanziert durch die Verbände der Metall- und Elektroindustrie (Anzeigenkunden!). Diese Agentur platziert seit langem Texte zur Umstellung der gesetzlichen auf die private Rente sowie u.a. zur Bekämpfung der Energiewende oder zur „Flexibilisierung“ des Arbeitsmarktes. (1) Wie wichtig diese Agenturen mittlerweile sind, zeigt ihre Personalstärke: Auf jeden Journalisten kommt mindestens ein PR Profi. (6)

Darüber hinaus sind viele der einflussreichsten Journalisten – auch der öffentlich-rechtichen Fernsehsender- eng mit politischen und/oder ökonomischen Zirkeln verbunden.
Die Einbindung in solche Netzwerke wirft natürlich unmittelbar die Frage nach der Unabhängigkeit der betreffenden Journalisten auf. Das klassische Beispiel ist die gut dokumentierte Mitarbeit (2) solcher „Alpha-Journalisten“ in transatlantischen Netz- werken wie z.B. der Atlantik-Brücke. Immer wieder überrascht, wie Themen aus trans- atlantischen Think-Tanks als Blaupause für gleichlautende Berichte in deutschen Medien dienen (Beispiel vom Dez. 2016 z.B. die „Fake-News“ Kampagne).

Weiterhin verfolgen die Eigentümer der Medien natürlich Eigeninteressen. Daß diese im Falle von schwerreichen Konzerneignern (Bertelsmann) oder dezidiert US-orientierten Unternehmen (Springer) nicht unbedingt jene der Bevölkerungsmehrheit sein müssen, liegt auf der Hand. Leider hat dieser Punkt im Zuge der Konzentration im Medienmarkt und aufgrund der Verflechtung der Politik mit der Wirtschaft (5,6) an Bedeutung zugenommen.

Last-but-not-least bieten internet-gestützte soziale Medien oder Blogs die Möglichkeit für eine unabhängige Information, aber können prinzipiell auch als Einfallstor für die Beeinflussung der Diskussion von Aussen dienen.

Fazit: Es gibt bereits heute vielfältige Versuche einflußreicher und mächtiger Akteure – leider auch aus dem eigenen Lande- die Diskussion innerhalb der Bürgerschaft in ihrem Sinne zu beeinflussen. Wir werden bereits jetzt zu Opfern einer institutionalisierten Desinformation durch die Medien (3,6). Zu befürchten ist, dass sich diese Desinfor- mation in Zukunft auch auf die sozialen Netze des Internets erstrecken wird. Die Anstrengungen der Bundesregierung hinsichtlich einer Zensur des Internets lässt hier Böses ahnen. (4)
Umso wichtiger ist es, sich eine gute Medienkompetenz anzueignen, um Desinformation und Propaganda von gutem Journalismus trennen zu können.

Im Folgenden möchte ich einige Anregungen geben, durch was sich guter Journalismus auszeichnet und wie Propaganda entlarvt werden kann. Wer sich detaillierter über die ethischen Grundsätze des Journalismus informieren möchte, wird beim Deutschen Presserat fündig.

  1. Der Autor des Textes sollte fair berichten. Die Sprache sollte sachlich sein. Die Eigene Meinung sollte als „Kommentar“ oder „Meinung“ kenntlich gemacht werden.
  2. Schildert der Autor einen Konfliktfall oder eine kontroverse Diskussion, so sollten beide Seiten mit ihren wichtigsten Argumenten zu Wort kommen. Lässlich ist dies allenfalls, wenn eine Seite ohnehin in den Medien überrepräsentiert ist und deren Argumente wirklich allgemein bekannt sind.
  3. Der Autor sollte seine Quellen nennen und deren Abhängigkeiten bzw. Interessenkonflikte offenlegen. „Geheimquellen“ sind nur etwas für seine eigene Information, nicht für die Öffentlichkeit!
  4. Vermutungen und Gerüchte gehören nicht in einen seriösen Artikel.
  5. Der geschilderte Tatbestand sollte nicht aus dem Gesamt-Zusammenhang gerissen sein. Es sollten Hintergründe und Zusammenhänge soweit möglich erläutert werden.
  6. Die Geschichte sollte nicht verkürzt dargestellt sein, also nicht nur einzelne beliebige Folgen, sondern auch die Ursprünge bzw. initialen Konflikte korrekt darstellen.
  7. Der Autor selbst sollte seine Interessenkonflikte ebenfalls offenlegen oder zumindest einen Lebenslauf zugänglich machen.

Wie arbeitet nun Propaganda?
Meistens durch bewußte Missachtung der obigen Regeln für guten Journalismus:

  1. Meinung und Bericht vermischen sich. Für das Opfer der Propaganda werden negativ konotierte Adjektive oder Bezeichungen benutzt (aggressiv, autoritär, Macho, machthungrig, sexistisch, Terroristen, terroristisch), für die Gegenseite wird auf eine entsprechend positive Sprache bzw. Wortwahl geachtet (Freiheitskämpfer, Staatsmann, überlegt, verantwortungsbewußt, liberal), ob dies nun wirklich zutrifft, oder nicht.
  2. Die Gegenseite kommt nicht oder kaum zu Wort oder wird verkürzt, oder falsch zitiert. Die Gegenseite wird mit Personen oder politischen Richtungen in Verbindung gebracht, die nicht zum akzeptablen Spektrum gehören. Dadurch wird die Glaubwürdigkeit einer Seite gezielt herabgesetzt und diese geradezu denunziert.
  3. Quellen werden nicht genannt, bei auftretenden „Experten“ bleiben etwaige Interessenkonflikte oder Abhängigkeiten (z.B. bei Lobbyisten) im Dunklen.
  4. Es werden bewußt Vermutungen und Gerüchte verwendet: Es wird schon etwas hängen bleiben!
  5. Fragmentierung wird oft eingesetzt um Zusammenhänge zu verschleiern und die Bedeutung der Berichte zu manipulieren.
  6. Geschichten werden verkürzt erzählt, um die Urheber eines Konfliktes zu maskieren oder Kausalketten zu verhindern.
  7. Die Interessenkonflikte oder Abhängigkeiten von Autoren werden nicht offengelegt, sodaß der Leser die Interessenlage des Autors nicht einschätzen kann.
  8. Nachrichten werden gezielt ausgewählt oder negiert um die Themen festzulegen, über die diskutiert werden darf oder sollte. Wichtige Vorkommnisse können so komplett der Aufmerksamkeit der Leser/Zuhörer entzogen werden.

Gerne versucht Propaganda, Opfer in Gestalt einer Einzelperson zu dämonisieren und Gruppen zu entindividualisieren und damit zu entmenschlichen und pauschalen Vorurteilen zugänglich zu machen. „Pleitegriechen“, „Faule Südländer“, „Machtmensch Putin“ etc… Gerne wird dabei unvorteilhaftes Bildmaterial eingesetzt, z.B. Donald Trump mit verzerrten Gesichtszügen oder Putin mit nacktem Oberkörper.

Insbesondere bei Kriegspropaganda werden Taten der eigenen Seite abstrahiert und damit der moralischen Bewertung entzogen, während die Taten der Gegenseite möglichst plastisch und detailliert geschildert werden, um moralische Ent- rüstung zu erzeugen. Hier ein von mir konstruiertes Beispiel angelehnt an die Befreiung zweier vergleichbarer nahöstlicher Städte von Terroristen: „Der siegreiche Vormarsch der Koalition zur Befreiung von Mossul von Terroristen wird durch Luftoperationen der USA und ihrer Verbündeten unterstützt.“ Bzw.: „Die nahezu ausgehungerte Zivilbevölkerung von Ostaleppo leidet unter pausenlosen Luftschlägen der russischen Tiefflieger, die gestern Nacht wieder ein Krankenhaus zerbombt haben. Viele Kinder wurden unter Trümmern lebendig begraben, 3 Mädchen verbrannten in den einstürzenden Trümmern ihrer Grundschule. Ehrenamtliche Helfer rufen die internationale Gemeinschaft verzweifelt um Hilfe an. Entgegen den Zusagen konnten die gemäßigten Rebellen nicht weiter evakuiert werden.“

Zum Standardrepertoire von Propaganda gehört die verkürzte Geschichte: So fängt in Propaganda Artikeln der Ukrainekonflikt immer mit der sogenannten Annexion der Krim durch „Putin“ an und nie mit dem völkerrechtswidrigen Putsch gegen die Regierung in Kiew und die Griechenlandkrise nie mit den Finanzmarktspekulationen gegen griechische Anleihen.

Beliebter Propaganda-Trick ist die häufige Wiederholung. Nichts kann so dämlich sein, keine Lüge zu dreist, damit nach häufiger Wiederholung nichts hängen geblieben ist. Misstrauisch werden sollte der Leser auch bei superschnellen Erklärungen und Schuldzuweisungen kurz nach Veröffentlichung einer Geschichte. Reichte die Zeit hier wirklich für die Recherche der Fakten aus, oder soll nur die Gelegenheit nur genutzt werden, um vorgefertigte Meinungen zu streuen?

Natürlich ist es schwer, verkürzten Geschichten, ausgelassenen Fakten, verheimlichten Nachrichten oder bewußter Fragmentierung auf die Schliche zu kommen. Hier hilft neben einem guten Gedächtnis nur die breite Nachrichtennutzung: Überfliegt Auslandszeitungen wie den Guardian (UK) oder den Intercept (USA), nutzt Blogs die durch neutrale und Faktenreiche Darstellung glänzen und scheut nicht vor -natürlich voreingenommenen -Medien der „Gegenseite“ zurück (RT). Ihr seid ja Medienkompetent, oder?

Und ganz wichtig, fragt euch immer: Wem würde diese Nachricht in diesem Stil jetzt nutzen?

(1) Themensetzung durch die PR-Agentur INSM (INSM Website)

(2) Beeinflussung durch Transatlantische Netzwerke  und hier
(3) Psychologie und Zweck der Desinformation (unbedingt sehenswert!)
(4) Die sich abzeichnende Zensur 
(5) Der politische und mediale Einfluß von Oligarchen am Beispiel von Bertelsmann
(6) Medienlandschaft und Kritik in Deutschland von W. Lieb

Weiterführende Literatur:

Beispiel für Denunziation

Beispiel für vorschnelle Behauptungen: Russische Hacker treiben in den USA ihr
Unwesen

Zur Kriegspropaganda 

Die Bewußtseinsindustrie  von  Jörg Becker

Wie mit Gerüchten und Vermutungen Meinung gemacht wird

Advertisements