Schlagwörter

, , ,

Ein guter Titel für die Griechenlandkrise, oder? Leider schon vergeben. Und eigentlich wollte ich hierzu nichts mehr schreiben. Vergangene Woche traf ich jedoch in Brüssel einen Freund mit griechischen Wurzeln und einer recht interessanten Sicht auf die Dinge.

Einer Aussenansicht mit Einblick möchte ich sagen. Denn mein Freund ist US-Amerikaner mit verwandschaftlichen Beziehungen nach Griechenland. Vor seiner Reise nach Brüssel besuchte er seine Verwandten und stattete Delphi einen Besuch ab. Komplett geschockt war er als US-Bürger von den Öffnungszeiten der Museen: Eines der Top-Highlights im wichtigsten Business Griechenlands, dem Tourismus. Hauptferienzeit und Wochenende! Und was machen die? Um zwei Uhr Nachmittags das Museum schließen!!! Wie soll man da Geschäfte machen? Leider habe ich ihn vergessen zu fragen, wie sich lange Öffnungszeiten am Sonntag mit Orthodoxem Christentum und der dortigen Kultur vertragen. Nun, wenn das ein richtiges Problem wäre, hätte er dieses Beispiel wohl nicht so prominent dargestellt.

Im Verlauf des Gesprächs bemängelte er dann die nach wie vor in Griechenland vorherrschende Verflechtung bzw. Kungelei von einflußreichen Geschäftsleuten mit der politischen Klasse und dem damit existierenden Protektionismus bzw. dem Schutz einzelner Investoren vor Wettbewerb, z.B. in Form einer restriktiven Lizenzvergabe. Hier müßte man ansetzen! Und die Flucht von Vermögen ins Niedrigsteuer-Ausland verhindern bzw. umkehren. Austerität? Stupid! Das “Business” muss seiner Meinung nach gefördert werden.

Sein Lösungsansatz ist dabei pragmatisch Amerikanisch: “Wenn ich mich als amerikanischer Bürger finanziell überschuldet habe, kann ich Insolvenz erklären. Dann erfolgt ein kompletter Schuldenschnitt. Und die darauffolgenden 7 Jahre leiht mir niemand mehr Geld. Wenn ich dann jedoch bewiesen habe, daß ich wirtschaften kann, ist ein Neustart möglich.” Und “Warum geht ähnliches in Europa nicht?”

Ein solcher Schritt wäre schon am Beginn der Krise 2010 angezeigt gewesen (man hatte sich damals mit den Rettungspaketen für die Beihilfe zur Insolvenzverschleppung entschieden). Natürlich zusammen mit Maßnahmen gegen Korruption, Vetternwirtschaft, Steuerhinterziehung und für eine effektive Verwaltung. Neben dem Mantra der neoliberalen Reformen (Ausgaben- und Lohnkürzungen sowie Privatisierungen) für Griechenland taucht ein Schuldenschnitt nun jedoch überraschenderweise als “Plan B” in den aktuellen Vorschlägen des IWF als einem der Kreditgeber auf. Nachdem das Reformprogramm nach Einschätzung von Mitarbeitern des IWF gescheitert ist (ich hatte darüber berichtet), wird nun der Schnitt medial vorbereitet bzw. die Verantwortung für ein Fortführen des Reformprogrammes “verteilt”.

Zwischen den Zeilen tut sich übrigens etwas im Blätterwald. Es ist nicht mehr allein Varoufakis-Bashing angesagt. Vereinzelt werden sogar kritische Stimmen laut, die innovative Sichtweisen bieten wir hier in Spiegel-Online: In seinem Kommentar vergleicht Janko Tietz die wirtschaftliche Lage der DDR vor der Wiedervereinigung mit der derzeitigen Situation in Griechenland und stellt die Frage was mit der DDR geschehen wäre, hätte Schäuble damals die Bedingungen für die Griechenland-Rettung durchgezogen:

“Die DDR von damals ist das Griechenland von heute. Das Land ist wirtschaftlich am Ende. Doch statt alles daran zu setzen, unter „Solidarität zwischen ihren Völkern“ die Vereinigung Europas zu forcieren, bereitet Schäubles Ministerium Pläne für den Grexit vor und stachelt andere EU-Partner an, das Gleiche zu tun. Der deutsche Finanzminister gefällt sich in der Rolle des Prinzipienreiters und Zuchtmeisters. Seine Botschaft: Griechenland muss liefern.

Ja was denn? Griechenland kann nicht liefern. Wenn Schäuble bei der Wiedervereinigung dieselben Maßstäbe angelegt hätte und von einem auf ganzer Linie insolventen Land Wirtschaftswachstum, Schuldenabbau und Reformen als Voraussetzung für den Einigungsvertrag verlangt hätte, wären wir heute noch nicht wiedervereint.”

Und: “Wolfgang Schäuble betrieb mit Verve die Einigung Deutschlands. Mit der gleichen Verve betreibt er 25 Jahre später die Spaltung Europas.”

Ich meine: Ja, es wurde bereits viel bezahlt, um Deutsche und Französische Banken freizukaufen. Nun wird wahrscheinlich viel bezahlt werden müssen, um die menschliche Katastrophe nach einer desaströsen Wirtschaftspolitik, beruhend auf Ideologie, dogmatischer Verblendung und falscher wissenschaftlicher Parameter abzuwenden. Ich selbst werde als noch existierender Teil des Mittelstandes ohnehin bezahlen. Aber lieber bezahle ich für nette Griechen, als für Banker und deren Geldgeber.

P.S.: Wer das Trappsen im Walde noch nicht gehört hat ist unser Wirtschaftsminister: “Varoufakis riet er, (Gabriel Anm.d.A.) weniger Interviews zu geben und stattdessen häufiger am Verhandlungstisch zu sitzen. Ähnliche Töne schlug Gabriel auch in einem Gastbeitrag für die „Bild“-Zeitung an, der am Montag (heute, Anm.d.A.) erscheinen wird. Die „Spieltheoretiker“ der griechischen Regierung seien gerade dabei, die Zukunft ihres Landes zu verzocken. Und die von Europa gleich mit“.

Ohne Worte.

Advertisements